, Marianne von Grünigen, Basel/hn

«Was uns verbindet»: Persönliche Erinnerungen von Marianne von Grünigen

Die ehemalige Diplomatin M. von Grünigen stellt am Symposium "Was uns verbindet" in Weil am Rhein die Wichtigkeit des Zusammenlebens am Oberrhein in einen grösseren geopolitischen Zusammenhang.

Seit eh und je war die Landschaft am Oberrhein eine besondere Gegend für ganz Europa. Die Künste, Wissenschaft und Religion florierten, von den Römern und später im Mittelalter wurden geistig lebendige Städte gegründet, die immer irgendwie miteinander verbunden waren, teils friedlich, teils auch in Kriege auf dem Kontinent verwickelt – oft auf Seiten verschiedener Kriegsparteien. Freiburg im Breisgau war eine Gründung der Zähringer, die in der Schweiz auch Bern und Freiburg im Uechtland gegründet hatten. Mülhausen war während Jahrhunderten «zugewandter Ort» der alten Eidgenossenschaft, was die Wappen am Rathaus bis heute bezeugen. Immer mehr hat sich eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den drei heute zu Frankreich, Deutschland und der Schweiz gehörigen Regionen Elsass, Markgräflerland und Basel entwickelt, die vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg auch neue Formen angenommen hat. Dabei spielen weiterhin die Annehmlichkeiten der mit mildem Klima beschenkten oberrheinischen Tiefebene sowie der gemeinsamen alemannischen Sprache für die einzelnen Bewohnerinnen und Bewohner eine grosse Rolle. Symbolisiert wird das Dreiländereck seit 1957 durch ein Denkmal im Norden Basels, wo die drei Länder im Rhein zusammenkommen und quasi gemeinsam weiter nach Norden ziehen. 

Während des Zweiten Weltkrieges kam ich im Frühjahr 1944 mit meinen Eltern aus Zürich nach Basel. Ich war acht Jahre alt und wurde plötzlich nur wenige Kilometer entfernt mit der Realität des Krieges konfrontiert. Ich erfuhr, dass der Rhein, der auf schweizerischer Seite Gross- und Kleinbasel friedlich in zwei Teile teilt, weiter unten die Grenze zwischen zwei Staaten bildet, die sich bekriegten. Immer wieder hörten wir den Donner der Kanonen. Die Anweisungen, wie wir uns bei Fliegeralarm zu verhalten hätten, wurden strenger. Ich ging in die Petersschule neben der gleichnamigen Kirche. Wir lernten, dass Basel wie auch Freiburg i.Br. und Strassburg in der oberrheinischen Tiefebene liegen, wo das Klima den Menschen besonders gesunde Gemüse und herrliche Weine beschere. Der Krieg hinderte unsere Lehrerinnen nicht, an Johann Peter Hebels Geburtstag wie eh und je zum Denkmal vor der Peterskirche zu ziehen, den berühmten Dichter der ganzen Region mit bewegenden Worten zu würdigen und mit uns sein Lied «Z Basel a mym Rhy» zu singen. Etwas unheimlich war mir zumute, wenn wir auf unseren Spaziergängen in Riehen und Bettingen oder im Leimental an Grenzzäune und Schlagbäume kamen und ich Berge und Burgruinen entdeckte, die bereits zu Deutschland und Frankreich gehörten. Die Basler Freunde meiner Eltern klagten, dass das «natürliche Basler Hinterland» durch den Krieg und die Schliessung der Grenzen fehle. Das gleiche Gefühl überkam mich, als 2020 die Grenzen wegen der Pandemie kurzzeitig geschlossen wurden.  

Am 8. Mai 1945 musste ich wieder einmal für die Familie einkaufen. Auf einem kleinen Platz rief der Zeitungsverkäufer mit lauter Stimme in alle Himmelsrichtungen: «Der Krieg ist aus! Extrablatt!». Ich erwarb ein solches Extrablatt und lief begeistert nach Hause, wo ich ebenso laut verkündete: «Der Krieg ist aus!». Die erlösende Nachricht wurde sofort an alle Freunde und Bekannten weitergegeben. Dann begannen die Kirchenglocken zu läuten, wurden Fahnen gehisst und strömten die Menschen in die Stadt. Mein Vater kam nach Hause, wir schlossen uns der Menge an. Im Stadtzentrum erschienen plötzlich elsässische Tambouren und Trompeter mit Frauen in elsässischer Tracht. Die Grenze hatte sich für einen Augenblick geöffnet, das Basler Hinterland war wieder erreichbar.

 

Kurz nach dem Krieg fuhr mein Vater als Mitglied einer offiziellen Delegation aus Basel erstmals nach Freiburg i.Br., um zu prüfen, wie Basel beim Wiederaufbau der Ende 1944 stark zerstörten Altstadt helfen könnte. Ich erinnere mich an ein langes Gespräch bei uns zu Hause mit dem damaligen Denkmalpfleger Rudolf Riggenbach, einem nahen Freund der Familie. In meinem Beisein kamen die beiden Herren überein, am sinnvollsten wäre das Geschenk neuer Ziegel für das Freiburger Münster, das zusammen mit dem Basler und dem Strassburger Münster die Dreiländerregion markierte, die zu neuem Leben erwachen sollte. Die Basler Behörden stifteten daraufhin 80'000 Ziegel, 1946 begannen die Restaurierungsarbeiten. 

 

Allmählich kamen wie vor dem Krieg wieder Grenzgängerinnen und Grenzgänger aus dem Elsass und Südbaden nach Basel zur Arbeit in Industrie und Wirtschaft, in Haushalte und auf den Markt.  Umgekehrt begannen wir das Grenzland neu zu entdecken. Man trug immer den Pass auf sich; ich erhielt einen eigenen Kinderpass, ein doppeltes A4-Blatt mit Personalien, Foto und Stempeln, auf den ich sehr stolz war. Auswärtige Gäste aus der übrigen Schweiz wurden von meinen Eltern automatisch ins Elsass oder ins Markgräflerland entführt, selbst als man anfänglich noch für jeden Besuch einen gültigen Passierschein brauchte. Der «Aigle» in Folkensburg und der «Hirschen» in Haltingen entwickelten sich zu Stammlokalen. Mit Freunden wanderten wir stundenlang durch die wunderbare oberrheinische Tiefebene, an den beiden Flussufern und auf den Hügeln, durch Weinberge, malerische Dörfer, deren Kriegsschäden allmählich repariert wurden. Ein Elsässer Chemiker namens Engel, der in Basel arbeitete, gesellte sich bald zum Freundeskreis; wir nannten ihn liebevoll «Angel». Zusammen mit Rudolf Riggenbach («Dingedinge») organisierte er für uns kunsthistorische Ausflüge zu Städten und Dörfern im Elsass bis nach Strassburg und im «Badischen» zu Burgen und Kirchen. Die Erklärungen der beiden Herren zu den reichen Kunstschätzen zeigten uns, wie viele geschichtliche und kulturelle Verbindungen im Dreiländereck erhalten geblieben sind. Dass zu dieser besonderen Gegend Europas auch kulinarische Genüsse, vorab in der Spargelzeit, und die herrlichen Weine beidseits des Rheins gehören, lernte ich bei der Einkehr in die gemütlichen Gasthäuser kennen. So wurde ich als Kind auf subtile Weise ins Dreiländereck eingeführt.

 

Als ich 1955 mit meinem Studium an der Universität Basel begann, nutzten wir jede Gelegenheit, bei gegenseitigen Besuchen mit unseren Kollegen der Universitäten in Freiburg i.Br. und Strassburg über die Vergangenheit und Zukunft Europas zu diskutieren. Half der «kleine Grenzverkehr», diese Verbindungen rasch wieder aufzunehmen, war jedoch das gesamteuropäische Zusammenwachsen entscheidend für die Entwicklung der Region am Oberrhein zu dem, was sie heute ist. Es war eine kluge Wahl, den Sitz des 1949 gegründeten Europarates in Strassburg anzusiedeln und die institutionelle Zusammenarbeit am Oberrhein nach der Gründung der EWG, der heutigen EU, und nach der französisch-deutschen Aussöhnung unter Charles de Gaulle und Konrad Adenauer im Elysée-Vertrag vom 21.1.1963 weiter zu fördern. Umgekehrt bewog die Einsicht, dass die europäische Integration nicht ohne regionale Zusammenarbeit direkt an den Grenzen, an den Schnittstellen der Kulturen, im Alltag der Bürgerinnen und Bürger möglich sei, einige Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Wissenschaft in Basel, am 25.2.1963 die Regio Basiliensis mit Sitz in Basel zu gründen, einen Verein nach schweizerischem Recht zur Förderung der grenzüberschreitenden wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenarbeit. Entsprechende Partnervereine entstanden zwei Jahre später in Mülhausen und 1985 in Freiburg i.Br. Im Lauf der Jahre entwickelte sich ein ganzes Netzwerk öffentlicher und privater Institutionen, die das Dreiländereck am Oberrhein immer enger zusammenwachsen liessen und das Einzugsgebiet geographisch vergrösserten. 

 

Die Region Oberrhein ist weltweit führend in der medizinisch-pharmazeutischen Forschung und Produktion. Organisationen in allen drei Ländern arbeiten als «Biovalley Life Sciences Network» zusammen. Der kulturelle Austausch floriert. Die Zivilgesellschaft wird individuell und durch Vereine einbezogen, wie z.B. der 1985 gegründete Kulturverein «Elsass-Freunde Basel». Solche Aktivitäten sind wichtige Garantien für die Kontinuität der Dreiländerregion auch von der Basis her. Dass das «Tor zu Europa» in Basel im Lauf der Jahre höher und breiter geworden ist, freut vor allem die Basler, die sich von der Schweiz her mehr Integration in Europa wünschen. Möge das Dreiländereck in der oberrheinischen Tiefebene auch in Zukunft das regionale Zusammenleben und damit die gesamteuropäische Kooperation und Integration fördern!