, Felix Rudolf von Rohr

Gedanken zum 8. Mai

Der 8. Mai ist ein Datum, das die Weltgeschichte vor 75 Jahren prägte. Mit der bedingungslosen Kapitulation der Nazi-Diktatur endete der Weltkrieg, der über 60 Millionen Menschen das Leben gekostet hatte.

Der 8. Mai ist ein Datum, das die Weltgeschichte vor 75 Jahren prägte. Mit der bedingungslosen Kapitulation der Nazi-Diktatur endete der Weltkrieg, der über 60 Millionen Menschen das Leben gekostet hatte. Was bedeutete dies für uns hier? Das war auch in Basel ein Freudentag. Ganz illegal stürmten Elsässer sogleich über die Grenze, um auf dem Basler Marktplatz zu feiern. Man freute sich wieder auf den Gemüsehändler aus dem Sundgau, auf die Tramlinien nach St-Louis, Hunigue und Lörrach. Die Dreiländerecke war plötzlich nicht mehr beim Pruntruter Zipfel, sondern im Rhein beim Hafen. Bis die riesigen Stacheldraht-Verhaue geschleift wurden, und bis die Grenzen zum besetzten Deutschland und zum nunmehr wieder französischen Elsass ganz geöffnet werden konnten, dauerte es zwar noch einige Zeit. So ging der grosse Hebel-Tag mit 18‘000 Baslerinnen und Baslern erst 1947 über die Bühne, resp. über die Grenze. Aber man wusste: Der eiserne Vorhang zu unseren alemannischen Mitbürgern war endlich wieder Vergangenheit.

 

Heute denke ich ein wenig an diese Zeit. Die Grenzen sind wieder zu, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen. Wohlverstanden: Es geht mir nicht um die Schnäppchen-Jagd. Ich kann meine Freunde im Badener Land und im Elsass nicht besuchen. Es fehlt mir der Gemüseduft und das Mundart-Schwätzchen auf dem Markt in Lörrach. Ich kann weder mit den Freunden vom Elsässer Theater noch mit meinen Fasnachts-Kollegen in Lörrach oder Weil politisieren und Sprüche klopfen. Und die Wanderungen im Elsass, auf dem Dinkelberg, über den Tüllinger oder im Schwarzwald oben fehlen mir. Ich freue mich auf den Moment, wenn die Corona-Hexe endlich wieder ihren Besen sattelt. Vielleicht und hoffentlich hilft uns diese Zeit, danach auch wieder vermehrt die Zusammengehörigkeit in unserem Dreiland zu schätzen, zu fördern und wieder zünftig gemeinsam zu leben.

 

Zu alledem zitiere ich gerne einmal mehr einen meiner Lieblingsdichter – den alten Schalk und Philosoph aus Wiedensahl*:
 
Wenn man sich einander kennet
und sich Freund und Freundin nennet,
reisst des Schicksals Donnerwort
uns aus unsern Armen fort.
Doch, obschon dies zu beklagen,
muss man nicht sogleich verzagen,
denn der Freundschaft lange Hand
reicht bis durch den Zollverband.
 
 
Stammbuchvers und Skizze aus den „Fliegenden Blättern“ von Wilhelm Busch ((Münchner Bilderbogen 1859 – 1864)
 

Bleiben wir uns bewusst, dass wir eine einmalige, wunderbare, natürlich und historisch gewachsene, und nur politisch auseinandergerissene Region sind – eine glückliche Regio, oder in Latein – mit meinem persönlichen Augenzwinkern - „tu felix regio“.

 

Felix Rudolf von Rohr

 

*Wiedensahl ist ein Flecken im Schaumburger Land und liegt in Niedersachsen, nördlich von Stadthagen. Seit 1974 gehört die Gemeinde zur Samtgemeinde Niedernwöhren. Die Dorfstruktur ist ein sogenanntes Hagenhufendorf und zieht sich an seiner Hauptstraße entlang.Wikipedia